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Die Fantasie-Reise

 

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Und einmal spricht mich – nach Tagen – die bhikkhuni an und meint, nun sei ich bereit, innen im Tempel am chakra puja teilzunehmen. Das ist nun eine erregende Nachricht, es kommt so etwas hoch wie »ich bin doch noch etwas, bin doch noch wer, es ist noch was anderes in mir als nur diese Dämonen und Begierden, dieses wirre Zeug«. Es kommt Hoffnung, daß ich nun ein wenig klarer werden könnte, daß diese dumpfen Hemmungen und Behinderungen in meiner Seele endlich mal wieder durchlässig werden. Ich fühle auch, wie ich nun ruhiger, reiner, ausgeglichener bin. Meine Sinne, mein Gang und meine Sprache sind langsamer geworden, sicherer, eindeutiger, leichter. Es kommt kaum noch vor, daß ich etwas sage um mich selbst darzustellen oder gegen andere meine Besonderheit zu beweisen. Die wilden Wellen und Stürme, die meine verwirrte Seele immer wieder überfallen hatten ...

Bild 42, ... an ganz anderem Ort gesehen: heftiger Sturm in der Biskaya, dichte Packung von Angst, Verwirrung, schwere Ablenkung durch See-Arbeit und die Naturkräfte sind meinem Körper überlegen - Vorschaubild

Bild 42, ... an ganz anderem Ort gesehen: heftiger Sturm in der Biskaya, dichte Packung von Angst, Verwirrung, schwere Ablenkung durch See-Arbeit und die Naturkräfte sind meinem Körper überlegen

... sind nun still geworden. Bin jetzt bereit zur Begegnung mit der Gottheit, bin endlich wieder echt menschlich geworden. Ich denke daran, wie wir geboren werden, ganz rein in der Seele, ganz menschlich, eben, und noch nicht verwirrt.

Morgen oder übermorgen, sagt sie, sei bereit, und gehe mehr in die Stille, pflege die heitere Gelassenheit, halte dich etwas entfernt von den Figuren und von den unruhigen Menschen hier. Aber vertiefe dich noch mehr in die abstrakten Zeichen da oben am Tempelturm und sieh, was sie für dich bedeuten.

Ich bin ganz still, sehe lange hinauf zum shikara und den vielen immer gleichen Zeichen – und es wird immer ruhiger in mir. Ich bekomme Abstand von all den anderen Leuten, die um mich umher sitzen, schreien, toben, weinen, lachen, ihre Körper streicheln, schlagen, liebkosen und noch vieles mehr – das alles sehe ich zwar, aber ich bin ungerührt, es ist weit weg, sehe es klar und deutlich und erinnere mich auch an meine eigenen Tage zuvor – doch es ist jetzt weit weg.

Ich fühle mich umhüllt, geborgen, sicher und eins mit mir und der ganzen Existenz, der ganzen Schöpfung. Es gibt weder Raum noch Zeit mehr. Ich bin ganz da.

Auch gehe ich wieder in den Park und erlebe ihn anders: ich sehe klarer, ja manchmal glasklar, überklar alles, was da ist. In mir ist eine große Reinheit. Die Musik klingt nun wie von vollendeten Musikern gespielt, ich höre keine falschen Töne mehr – oder richtiger: sie berühren mich nicht mehr, obwohl es sie wohl gibt.

Die Gesichter der Menschen, die ich ansehe, sind eindeutig, ich erkenne, wer sie gerade sind, höre in ihrer Sprache und fühle in ihren Bewegungen, was in ihnen ist. Bin ein wenig hellsichtig geworden. Die Leute berühren mich so sehr, daß manchmal die Tränen kommen – vor Rührung oder Freude an der Nähe, oder auch vor Sorgen.

Schließlich an einem späten Nachmittag werde ich gerufen zur Vorbereitung auf das chakra puja. Eine Stunde vor Sonnenuntergang soll ich am Fuße der Treppe sein, die in den Tempel hinaufführt. Und wieder sind die Stufen so hoch, es ist noch mühsamer, nach oben zu klettern.

Bild 43, Kandariya-Tempel - endlich mühe ich mich diese Stufen nach oben - Vorschaubild

Bild 43, Kandariya-Tempel - endlich mühe ich mich diese Stufen nach oben

In langen, orange Gewändern sind wir – wie die untergehende Sonne, die hinter dem Tempel noch strahlt –, wie die Farbe des Vertrauens zwischen Menschen, die alte Farbe des spirituellen Schülers, des sannyasin.

Langsam steige ich hoch, es ist wie ein Weg in den unendlichen Himmel. Es scheint als wäre ich noch nie so hoch geklettert. Und immer noch sind über mir das Tor und die Tempeltürme, sie stehen nun ganz steil über mir.

Im Eingang empfängt mich eine Frau in langem ganz hellgelbem Kleid, ganz schlicht. Eine warme Stimmung umgibt diesen Eingang. Von innen kommen leise Musik und ein feiner Duft. Im Eingangsgebäude, im mandapam bleiben wir stehen.

Bald kommen wir an in dieser Stimmung. Vom sonnigen Tag sind die Steine warm – so wie die ganze Stimmung hier. Durch die Mauerfenster sehe ich die benachbarten Tempel. Eine der Frauen nimmt mir die orange Tücher ab, ich lege mich auf eine Bank, und sie massiert leicht meine Haut und reibt sie mit einem duftenden Öl ein, ganz leicht, und dann bekomme ich auch ein hellgelbes Gewand.