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Die Fantasie-Reise

 

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Wir gehen weiter und betreten schließlich einen größeren Raum, das antaral, unter einem schweren, mit Ornamenten verzierten Steindach auf vier Säulen. In den Nischen daneben sitzen Musiker und andere Menschen, die uns helfen werden bei diesem Ritual, erfahrene Zeremonien-Meister. In der Mitte dieses Raumes brennt ein kleines Feuer, aus dem die Düfte aufsteigen. Um das Feuer sitzen schon ein paar Leute im Kreis – chakra heißt Kreis –, Frauen und Männer abwechselnd, und ich erkenne keine von ihnen.

Dann in den Tempel hinein, hinter der kleinen Säulenhalle ist das Allerheiligste, das garbha–griha, der Schrein mit dem Symbol für die Gottheit, die symbolisch für das steht, was hier diese Nacht geschehen wird.

Bild 44, Kandariya-Tempel, geheimnisvoll die Schwelle zum Höchsten im garbha-griha, zu den Gottheiten Shiva-Shakti, die Stufensteine von unzähligen Suchern betreten, bekniet, Opfergaben niederlegend ... dahinten im garbha-griha (Schrein, Mutterschoß) das Zeichen Shiva´s, der lingam, der umfasst ist vom Zeichen des Weiblichen, der yoni, noch im Dunkeln, die abendlichen Lampen sind noch nicht angezündet - Vorschaubild

Bild 44, Kandariya-Tempel, geheimnisvoll die Schwelle zum Höchsten im garbha-griha, zu den Gottheiten Shiva-Shakti, die Stufensteine von unzähligen Suchern betreten, bekniet, Opfergaben niederlegend ... dahinten im garbha-griha (Schrein, Mutterschoß) das Zeichen Shiva´s, der lingam, der umfasst ist vom Zeichen des Weiblichen, der yoni, noch im Dunkeln, die abendlichen Lampen sind noch nicht angezündet

Wir sind im Shiva–Tempel, und so findet sich hier Shiva´s lingam. Der lingam ist umfasst von einer ovalen Rinne, sie stellt Shakti´s yoni dar. Das sind seit Urzeiten die wichtigsten Symbole unserer ekstatischen und energiegeladenen Religiosität: sie deuten auf den stärksten und tiefsten Urgrund menschlicher – also auch göttlicher – Erfahrung, nämlich auf das vollständige Aufgehen in der sexuellen Ekstase, das völlige Aufgehen in das Ganze, in die ganze Existenz. In der Wiedervereinigung von Shakti mit Shiva – eine Zurückholung des Ardh-Narishwára für ein paar Augenblicke, das ist eines der höchsten Ziele tantrischer Rituale – es führt in die höchst mögliche Erkenntnis, »höher als alle Vernunft«.

Ich gehe um den Schrein links herum und berühre immer wieder mit den Händen die Steine und dann meine Stirn, ich berühre den unteren Rand der Mauer und wieder meine Stirn – alles Symbolik für mein Öffnen für die Gottheit: durch sie kann ich den Weg in das Eins-Sein mit der Existenz finden. Und es ist auch Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit. Am Ende setze ich mich zu den anderen in den Kreis, auf ein Kissen.

Doch noch stehe ich vor dem Eingang zum Schrein, berühre noch einmal verehrend und dankbar die Schwelle mit meiner Stirn, und ein bhikkhu kommt mit einer Öllampe, er schwenkt sie vor dem Bild von yoni-lingam und hält sie mir vor: dreimal lege ich meine Hände wie aufnehmend mit den Innenflächen über die Flamme und führe die Hände in gleicher Weise über meinen Kopf – damit geht ein kleiner Teil der segnenden Kraft der Verehrung auf mich über und wird mir helfen, mich weiter zu öffnen. Ich erinnere mich, daß der Weg in die Tiefen des Tempels mir die Richtung zeigt zum Weg in meine eigenen Tiefen – eine Weisung nicht wie ein gesprochener Satz sondern eher wie eine Erinnerung.

[Ich kann das heute so sagen – doch in dem Augenblick geschah es einfach und ich beobachtete alles, was geschah und was ich erfuhr, aber es war keine Sprache da. Ja, das wortlose Beobachten, das Zeuge-Sein, das ist es, was uns von der ermüdenden Dauertätigkeit des Gehirns erlöst, von dem inneren Umherwirbeln bei Tag und Nacht, selbst die Träume bestehen daraus. Sonst kommen wir nicht zur Ruhe, Religion ist ohne diese Ruhe nicht möglich ..., Stille ist nicht möglich. Doch hier ist es anders, und es entsteht die Idee, das alles mit ins tägliche Leben mitzunehmen.]

Wir sitzen am Boden im Kreis um das kleine duftende Feuer. Die Ruhe geht tiefer. Langsam, langsam wird der Verstand ganz still, du kommst näher an die Mitte deines Seins. Es entsteht eine Einheit mit allen Leuten hier. Es beginnt das Gefühl des Eins-Seins mit dem ganzen Tempel, mit dem Park rundherum, mit der Stadt, dem Land, dem ganzen Universum.

Ganz leise und einfach spielt eine Flöte, sie verliert sich in der Stille des Tempelraumes, in unserer inneren Stille, in der Stille der Unendlichkeit.

Du verlierst dich in dieser Einheit mit der Unendlichkeit. Alles ist nun still, vollständig still. Es kommt dir so vor, als ob du dich zu der unsichtbaren höchsten Spitze des Turms, zum sahasrar erhebst, zum sahasrar in dir selbst. Dein Körper – wenn es so etwas noch gibt – befreit sich vom Untergrund, ein ganz leichtes Gefühl ...

Nach einer langen Zeit werden wir durch eine heraufkommende Musik zurück geholt in diesen Raum. Die Musik wird tänzerisch, wir stehen auf und tanzen ein wenig, die Körper werden wieder fühlbar, ich fühle jeden Teil, jede Bewegung. Es wird ein Getränk gereicht, das wir langsam trinken, es macht uns leicht und offen, ich habe eine Vision von blau, von kristallischem Blau. So fein ist meine Seele berührt, Tränen fließen mir auf die Wangen, Tränen, in denen Liebe zu allem ist, karuna sagen sie dazu.

Immer noch sitzen wir in dem Tempelraum, das Feuer gibt etwas Licht, draußen ist es ganz dunkel, es muß so um Mitternacht sein. Ein paar leise Tierstimmen sind zu hören. Vom Feuer steigt leichter Rauch auf, der durch eines der Fenster abzieht. Der Rauch duftet wie der ganze Raum. Die leise Musik im Hintergrund – ist sie von außen oder von innen?