Nach einer Pause geht der Weg weiter, tiefer, tiefer in die Einheit mit dem Universum: wir feiern nun das chakra puja, Frauen und Männer in der Begegnung des maithuna-Rituals – die energie-stärkste Form der Begegnung zwischen beiden, die ich kenne.
Das maithuna-Ritual: Jeder Mann sitzt im Lotos-Sitz und eine Frau setzt sich langsam und einfühlsam auf seine Oberschenkel und legt die Beine um das Kreuz des Mannes. Der Mann legt die linke Hand auf das Kreuz der Frau, die rechte in ihren Nacken, die Frau schlingt ihre Arme um seinen Nacken. upavishta nennen die bhikkhunis diese Art der Vereinigung.
Erst berühren sich die Körper ganz unten, dann steigt die Berührung weiter nach oben. Beide sind ganz offen und aufmerksam, spüren, was im Innern und im Partner vorgeht. Die Vorderseiten der Körper nähern sich immer mehr. Es ist wie ein Austausch von Energien zwischen den beiden Vorderkörpern, als ob Licht-Strahlen hin und her strahlen. Wir gehen sehr sorgsam miteinander um. Die Stille der Bewegung ist das wichtigste – und wenn jemand in eine körperliche Ekstase kommt ... wir kennen Wege, auf denen die Ekstase nach oben wandert, durch den ganzen Körper, entlang der Wirbelsäule. Und ein leichtes Vibrieren zeigt, wie die Energie nach oben streicht.
Bild 45, die maithuna-Vereinigung in der upavishta-Weise – im Jagadamba-Tempel
Schließlich entsteht eine gemeinsame, aus der wechselseitigen Spannung geschaffene Energie, die wie in einem Faden durch meinen ganzen Körper läuft, von unten aus dem Boden, durch den Körper, und oben aus dem Scheitel wieder hinaus – in die Spitze des Tempelturmes hinein, in das Symbol des sahasrar. Von da strahlt sie aus in die Unendlichkeit – und so fühle ich mich mit der Unendlichkeit verbunden, ich bin ein Teil der Unendlichkeit, nichts Gesondertes mehr.
Meine Partnerin hilft mir einfach, mich selbst ganz zu erleben, sie ist nicht mehr mein Gegenüber, sie ist Helferin. Und andersherum ist es ebenso.
Nach ein paar Stunden kommen wir zurück. Ich bemerke, daß ich die ganze Zeit alles mit ganzer Klarheit und Stille beobachtet habe – ich hatte mich nie verloren, es gab keine Zeiten des Versinkens in Unbewußtheit, ich beobachtete mich und alles rundherum.
Ich habe die reine Bewußtheit erlebt – wenn auch nur für eine kurze Zeit, aber es war so erholsam, so stärkend für mich. Ich weiß: hier habe ich etwas ganz Wertvolles für mich selbst getan. Ich fühle mich so rein wie die Lotosblüte, die eigentlich im Schlamm wurzelt aber mit größter Reinheit aus dem Wasser herauswächst, ganz weiß über dem Schlamm – ein altes Symbol für die Buddhaschaft in jedem Menschen.
Langsam verlassen wir das Innere des Tempels, wechseln unsere Kleider und bekommen ein wenig duftendes Öl an den Leib gestrichen.
Bild 46, am Morgen, der aufgehenden Sonne entgegen, Frische der Luft, Frische in der Seele – im ardh-mandapam
Es wird nun wieder hell. Die aufgehende Sonne scheint in das mandapam hinein und macht alles hell-purpur. Ganz rein und kristallen sind wir in diesem Morgen, Vögel zwitschern, Blumen duften, selbst das Geschrei der Esel klingt wie Musik, die Dämpfe aus den Gräben sind angenehm, alles gehört zum Selbstverständlichen der Existenz, es gibt nichts zu bemängeln. Ich muß lachen.
In langsamen Schritten trete ich die Treppe runter und sehe noch einmal auf die Figuren an den Tempelwänden.
Diese vielen Figuren – nun sind sie mir sehr vertraut, sie sind nicht mehr unübersehbar. Über manche muß ich grinsen: so sehe ich ein Wildschwein auf zwei Menschenbeinen,mit vier Menschenarmen und allerlei Menschlein und Tieren rundherum, auf der erhobenen Schnauze trägt das Schwein eine halbe Erdscheibe.