... und schließlich, ganz im Dunkeln – erleuchtet durch eine Öllampe – zeigt uns die bhikkhuni eine Figurengruppe aus gebranntem Ton: Frau und Mann sitzen einander nackt gegenüber, hinter ihnen brennen die Feuer auf einem Leichenverbrennungsplatz
Bild 54, Ton-Gruppe von Anne Wellershaus (1995): Saraha und die Pfeilmacherin
und hier haben sich der hohe Minister und brahmin Saraha und die Pfeilmacherin aus unterster Kaste schließlich gefunden und unter den greulichsten Umständen die reinste und vollste Liebe erfahren – und alle Begrenzungen der Kasten hinter sich gelassen.
»Greulich scheinen uns die Umstände zu sein,« sagt die bhikkhuni, »weil jener Platz so schrecklich ist, und weil es stinkt nach Rauch und Fäulnis. Und weil es für die normalen Menschen schlimmstes Verbrechen ist, wenn der höchste brahmin und die niedrigste Pfeilmacherin in gemeinsame tief-meditative und religiöse Liebe versinken. – Doch seht, wenn ihr diese Vorurteile schließlich überwunden und hinter euch gelassen habt, dann seid ihr bereit, die Göttin zu erkennen, ihr dankbar zu dienen, sie zu ehren mit eurem ganzen Leben.«
Und sie leitet uns durch eine Meditation, in der wir – in der lebendigsten Vorstellung – mit einer Frau oder einem Mann aus der allerniedrigsten und – wie es heißt – schmutzigsten Latrinenreinigerkaste das maithuna feiern. »Seht, auch sie sind eine Frau, ein Mann, ebenso voller menschlicher Schönheit. Es gibt keine Kasten, es gibt keine verschiedenen Religionen, es gibt keine brahmins, und es gibt keine Latrinenreiniger. Alles sind nur leere Ideen, die die Gottheit beleidigen – sie in ihrer höchsten und klarsten Reinheit!«
Und sie führt uns zum Bild der Göttin im Schrein, dem garbha-griha, öffnet die Tür, und in Ehrfurcht wandert mein Sehen durch den Raum, beginnend an dieser alten und ehrwürdigen Tür,
Bild 55, Jagadamba-Tempel, hier das Allerheiligste, Blick in die Tiefe dieses garbha-griha (der Mutterschoß), dort hinten ist das Bild der Devi, der Göttin
Bild 56, die Tür zum Schrein im Jagadamba-Tempel, die bhikkhuni hat sie geöffnet für unsere Begegnung mit der Devi