Navigation überspringen.
 

Die Fantasie-Reise

 

Seite:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Bild 57, das Bild der Devi im Innersten des Schreins (garbha-griha) - Vorschaubild

Bild 57, das Bild der Devi im Innersten des Schreins (garbha-griha)

Tief verneigen wir uns an der Schwelle zum garbha-griha und berühren voller Ehrfurcht den Schwellenstein, über den sie getragen wurde, als man sie in uralter Zeit im Schrein aufgestellt hat. Innen strahlen ein paar Ölleuchten und brennt duftendes Räucherzeug. Mit Blumen ist das Bildnis der Göttin geschmückt, schön und anziehend ist ihr frauliches Gesicht, und weiblich sind ihre prallen Brüste. Vier Arme hat das Bild, doch nur die untersten sind erkennbar, ihre Hände zeigen nach unten in bestimmten Gesten, deren Aussage ich vergessen habe.

Die bhikkhuni geht in den Schrein, begrüßt die Göttin mit einem Lied in der alten sanskrit-Sprache und gibt jeder und jedem von uns eine der Blumen, die die Göttin geschmückt hatten, eine rote Blume für das Weibliche, sie selbst nimmt sich eine blaue für das Männliche. Ich drücke die Blume an mich, und heiße Tränen fließen mir. Später werde ich sie in eine kleine Mappe legen, die ich aus einem Palmblatt machen und zuhause auf den Schrein der Göttin legen werde. Es ist so schön, hier zu sein.

Nach langer Zeit singt die bhikkhuni einige weitere Hymnen zur Ehre der Göttin, und wir ziehen uns wieder zurück.

Schließlich gibt sie allen eine der kleinen Opfergaben, eine kleine süße Speise, in ein Blatt gewickelt, die wir der Göttin vorher dargebracht hatten. Diese prasad-Gaben sind von besonders erlesenem Geschmack – denn was sonst kann man einer geliebten Göttin bringen. Später, als das Ritual zuende ist, setze ich mich mit meinem Päckchen in einen stillen Winkel des Parks und genieße sie voller Ehrfurcht, denn sie ist durch die Göttin gesegnet, und ich bringe das leere Blatt auf einen Platz, wo Kompost entsteht – aus all den Blättern –, und dieser Kompost wird in der Gemüsefarm auf die Beete gebracht, hier wird neues prasad gezogen – süße Früchte.

Noch ein paar Tage bleibe ich im Park und lasse das Erfahrene sorgfältig ausklingen – ohne es wieder abzuwerfen. Das Ziel ist, alles wie zwei Arme voller Blumen mit nachhause zu nehmen und davon weiter zu geben. Vielleicht werde ich wie ein Brunnen sein, voll klarsten Wassers, das hervorsprudelt. Sehr langsam und etwas traurig gehe ich immer weiter weg von den starken Tempeln, immer wieder sehe ich mich um und winke ihnen einen Wiedersehenswusch zu.

Bild 58, die Familie im Dorf, bei der ich zu Mittag aß - Vorschaubild

Bild 58, die Familie im Dorf, bei der ich zu Mittag aß

In den nächsten Tagen gehe ich langsam und ohne Worte weiter. Noch in der Stadt werde ich von einer schönen Familie eingeladen: eine Mutter mit ihren Kindern lässt mich an ihrem Mittagsmahl teilnehmen. Und so gelassen sind die Menschen hier in Khajuraho, gesegnet durch diese Tempel.

In seiner Hütte lebt ein weiser Mann, ein guru, den sie Prem Giri nennen, Berg voller Liebe. Still begrüßt er mich, ohne Worte, ohne Gesten, nur der Blick. Ich sitze eine Weile bei ihm, schlafe nachts vor seiner Hütte. Das ist der letzte Nachklang aus den vergangenen Zeiten in den Tempeln.

Bild 59, Prem Giri in Khajuraho, guru - »Auflöser des Dunkel« - Vorschaubild

Bild 59, Prem Giri in Khajuraho, guru - »Auflöser des Dunkel«