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Die Fantasie-Reise

 

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Meine Aufmerksamkeit wandert von diesen Blüten – das Alltägliche –, die langsam undeutlich zu werden scheinen, hinüber zu dem dahinter liegenden Tempel des großen Shiva, der nun scharf wird – nur der Eingangsbau steht hoch vor mir, von unten bis oben verziert mit so vielen Figuren und Zeichen – wie wird es erst dahinter werden!

Bild 27, nun ist die Treppe klar erkennbar, bin ich nun angekommen? - Vorschaubild

Bild 27, nun ist die Treppe klar erkennbar, bin ich nun angekommen?

Eigentlich kenne ich alles – schon oft war ich früher hier, doch es ist immer wieder ein Neues, ein Tieferes. Alles haben sie so gebaut, daß es mich wieder tief ergreift. Diese Klarheit der Skulpturen, diese Turm-Höhe, hoch zum Himmel weisend, weit über meinen eigenen Scheitel hinaus, über mein sahasrar-Zentrum hinaus, viel weiter als ich kleiner Mensch jemals sein kann, hoch zum Göttlichen weisend.

Still und ganz leise erregt gehe ich näher heran, jemand in weißer Robe kommt und bedeutet, links um den Sockel herumzugehen und die Figuren anzusehen, die im Sockel eingemeißelt sind: ich sehe Menschen, die mit Elefanten zu tun haben, kämpfen gegen andere Leute, Musik machen, sich hohen Herren unterwerfen, ihre sexuellen Gelüste an Tieren auslassen, oder jedenfalls davon träumen, ihre Fantasien sind so voll davon – ist davon nicht vieles auch in mir selbst? Es berührt mich, das alles so klar und mich angreifend vor mir zu sehen.

Bild 28, am Sockel des Lakshmana-Tempels - Vorschaubild

Bild 28, am Sockel des Lakshmana-Tempels

Ich will weiter gehen, doch die Frau in der weißen Robe kommt und hält mich fest: sieh dir das genau an, schau, was in dir selbst an Regungen aufkommt – trifft es dich nicht, was alles in den Tiefen deiner Begierden sitzt? Ich lasse mich tief ein in das Betrachten dieser Bilder. Je mehr ich sie ansehe, desto stärker erinnern sie mich an so Vieles in mir und im Leben da draußen. Es gibt nun die Möglichkeit, meine innersten Wesenszüge zu sehen. Mir kommen die Tränen – ich weiß nicht, ob vor Scham oder Entsetzen. Da innen ist ja allerlei Schwarzes, nicht zugelassenes, so viel Zugedecktes, Verstecktes, Wirres, ein großes Durcheinander. Und diese einfachen Figuren in der Wand sollen das schon aufdecken? Sie tun es, ich erkenne mich wieder, widerstrebend. Ich erkenne Bilder in mir wieder, die ich eigentlich nicht als meine eigenen anerkennen möchte – doch es gibt nichts anderes: DAS bin ich.

Und so geht es weiter. Der Weg um den Sockel wird zum Weg der schmerzhaften Selbstentdeckung: wer bin ich eigentlich? Was ist alles in mir verborgen, unbekannt, verschlossen? ... zurückgeschoben aus der Angst, damit selbst etwas zu tun haben zu müssen, verdrängt aus Angst, daß diese Erkenntnisse mich schmerzen.... wer bin ich eigentlich? Das meiste werde ich nie entdecken, bleibt in meinen Tiefen verborgen – nur was diese Tempel-Figuren an die Oberfläche holen, was sie mir zeigen, wird mir bewußt. Der Rest – das Meiste – bleibt im Unbewußten, und nur weniges kommt mal nach oben, wenn es sich ergibt.

Und so dauert dieser Weg um den Sockel einige Stunden. Ich finde meine Festkleidung nun reichlich affig, mag sie nicht mehr anhaben. Neben der Treppe ist eine Hütte, wo ich diese Dinge ablegen kann und einfach eine orange Robe überziehe. Ich habe Lust, mir ein Tuch über den Kopf zu ziehen – nicht gegen die Sonne, sondern um mehr bei mir zu sein, ja um mich zu verstecken. Scham. Dann erst werde ich die unterste Treppe hoch gelassen. Ich steige die hohen und steilen Stufen mühevoll nach oben, ein schwerer Pilgergang auf den weiten Sockel, auf dem der eigentliche Tempel steht. Beim Aufstieg reckt sich hoch über mir das Eingangsgebäude ...

Bild 29, steil der Weg zum Heiligen - Vorschaubild

Bild 29, steil der Weg zum Heiligen