Später frage ich einen bhikkhu, wozu diese kleinen Elefanten überall abgebildet sind, und besonders, was die Figuren bedeuten, die einen Elefanten zeigen, die einen nackten Menschen gefangen halten und ihnen den Kopf zermalmen wollen. Jemand hat mit Holzkohle das Wort »Angst« darunter geschrieben, liest mir ein bhikkhu vor und grinst dabei.
Bild 36, die Angst - wütender Elefant zertrampelt gefangene Frau
Bild 37, auch der Mann ...
Weiter frage ich, was dies oder jenes Symbol wohl bedeuten möge. Der bhikkhu sieht mir in die Augen, ganz still und rein und ohne ein Ziel, und er sagt: »du bist hier doch nicht zum Diskutieren hergekommen, doch nicht um dein Wissen zu erweitern ... setz dich davor und sieh dir die Szene an. Sieh sie dir an bis das Denken ein wenig in den Hintergrund fällt und das, was da geschieht, dich ergreift, und dann verstehst du.« – immer wieder muß ich mir das sagen lassen.
Und wie ich eine Stunde oder zwei vor dem Elefanten sitze, der den nackten Menschen zu zermalmen droht – da kommt es, ICH bin dieser Mensch, ohne Schutz, nackt dieser Elefanten-Gewalt ausgeliefert, vom Elefanten symbolisch dargestellt, ganz nackt, bloß, ungeschützt und ohne Möglichkeit, mich zu retten, nein: meinen Leib, mein Leben zu retten; es würde furchtbar weh tun und meinen Leib zerreißen ... Und nun kommt diese Angst wieder nach vorne, die ich immer zu verdrängen versuche, wenn unser Dorf-Elefant so mit den Augen rollt ..., und mein Leib, meine Seele beginnen zu zittern, diese Angst ist ganz deutlich – und nun entdecke ich etwas Neues: ich SEHE diese Angst, beobachte, wie sie in mir umherkriecht und hier und da etwas anrichtet – doch von einer Stelle aus tief in mir kann ich es ganz kalt beobachten, wie von außen zuschauend. Und noch etwas: die Angst öffnet einige vorher verschlossene Verließe mit Gefühlen drin, die ich lange vergessen hatte: allerlei Dinge von früher, ja es scheint mir: nicht einmal aus diesem Leben, vielleicht aus früheren Leben? – gibt es sowas?
Aber ich kann es nicht in Worten sagen, nicht einmal mir selbst: die Worte dazu gibt es nicht, jedenfalls kenne ich sie nicht. Vielleicht ist meine Sprache zu arm und nur geeignet für die praktischen Dinge des Lebens, aber nicht für so was.
Nachdem ich ein paar Stunden, nein Tage hier verbringe, werde ich ganz ruhig, kann mir all diese schrecklichen Bilder von den wütenden Elefanten ganz ungerührt ansehen. Kann gestatten, daß das alles selbstverständlicher Teil von mir ist. Gerade will ich mir etwas anderes aussuchen, als gesagt wird, wer Lust hätte oder das Bedürfnis, könne nun – auf dem Sockel des Tempels – an einem Ritual teilnehmen, das sie mit einem griechischen Wort »Katharsis«, Reinigung nennen.
Ja, es geht um Schreien, nun dürfen alle schreien und trampeln. Ein paar Musikanten kommen und beginnen erst sanft, dann langsam schneller werdend eine heftige Musik zu spielen, aufreizend, herbe, stakkatisch ... Ich stehe etwas steif herum und traue mich zuerst nicht, es ist so seltsam, so anders – wieso soll ich eigentlich nach außen schreien? Reicht es nicht, es innen zu sehen? Ein bhikkhu kommt und reizt mich auf, äfft mein offensichtlich hochmütiges, gelangweiltes Gesicht nach, übertreibt das noch karikaturartig, trommelt vor mir mit den Fäusten in der Luft.
Dann schreit er mir Vorwürfe ins Gesicht, wie blöde ich sei, wie ich immer so daherstolziere, was ich immer für intelligente Gedanken mit mir herumtrage, wie ich immer den Scheinheiligen hervortue ... und in Wirklichkeit doch ein armes Würstchen sei, ohne Würde, ohne Liebe, ohne Intelligenz ... – und er beleidigt mich bis aufs Blut, bis schließlich etwas in mir überspringt, wie ein Blitz in einen Baum. Plötzlich schreie ich los, fahre auf den bhikkhu los und greife ihn an – so hatte er mich getroffen, irgendein Wort hat‘s getan. Doch er lacht nur und sagt, rühr mich nicht an, rühr dich lieber selbst an, zerreiß all deine Grappen im Kopf, fetze sie hinaus, schmeiß sie in das Feuer da unten, das nun in der Dämmerung im Park brennt, in hell-lila Flammen. Schrei alles hinein, alles was dir einfällt, speie es hinein, schleuder es hinein, tritt es hinein. Und ich tobe und schreie und sehe nichts anderes mehr. Immer neue, immer weitere Trümmer von Dämonen kommen an die Oberfläche – bis schließlich der Körper nicht mehr mitmacht.