Navigation überspringen.
 

Die Fantasie-Reise

 

Seite:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Mein gepeinigter Körper fällt hin, krümmt sich zur Seite und ein Zittern, ein Heulen, ein jammervolles Schluchzen kommt hervor. Wieder erscheint der bhikkhu und sagt, sei nicht so wehleidig, leg dich auf den Rücken und laß alles geschehen, mach dich offen und verwundbar, öffne deine Kleidung und lass die Stachel deiner Seelenschmerzen herein –, und dann spöttisch: so wie du da liegst, wie ein kleines schluchzendes Kind, wie es nach der Mami wimmert – das bringt‘s nicht. Leg dich auf den Rücken, öffne dich und laß alles raus, was noch darauf wartet. – Und ich heule, brülle, der Körper wälzt sich, dann geht es über in noch lauteres Brüllen, in Zorn, schließlich in Lachen, am Ende in ein stilles, leichtes, sehr heiles Lächeln – in ein leichtes Lächeln. Das war´s also. Ich setze mich an die Brüstung und bin mit einem mal ganz hell, sehe alles – die anderen Leute wie sie noch in den Phasen sind wie ich vor einiger Zeit, oder wie sie ganz still und leicht da sitzen und verwundert umhersehen. Einige tanzen leicht und gelassen zu der nun fast süßen Musik. Ein paar kleine Feuer auf dem Sockel erhellen alles in dieser Nacht. Es wird stiller. Ein paar bhikkhus verteilen Decken und wir wickeln uns ein. Ich liege noch lange und sehe in die Sterne, mein Gesicht ist von Tränen, Speichel und Staub verkrustet – aber ich kann dazu stehen, es gehört zu dem, was ich will.

Lange liege ich noch wach. Ein leises Vibrieren ist im Körper, eine verwunderte Stille in meiner Seele, eine ziemliche Leere in meinem Schädel. Nun höre ich jeden Laut der Natur, das leiseste Geräusch der anderen Menschen, die ähnlich wie ich still liegen. Ein großer Vogel fliegt leise umher, so leise, daß er nur sichtbar vor den Sternen ist aber nicht hörbar.

Von einem anderen Tempel klingt leise Flötenmusik herüber, süß, ein wenig lockend – doch ich beobachte es zwar, aber es lockt mich nicht. Überhaupt: das schlichte Beobachten ist eigentlich alles in mir, außen und innen. Viele Menschen sind hier, auf dem Sockel und unten im Park, es ist still, alle sind in der Betrachtung ihres eigenen Selbst versunken.

Ich setze mich auf, und mir gegenüber finde ich auf der Tempelwand die Figur der schönen Göttin Saraswathi, die auf ihrer vina spielt – gerade das, was aus dem Garten herauf klingt – wie auf dem Bild 12, wie sie umgeben ist von den gandharvas, den himmlischen Geistern.

Auch sehe ich in Stein gehauen, wie eine Frau ihrem Freund eine brennende Fackel reicht. Ist es das Feuer der Ekstase, das die Frau dem Mann reicht? Ich höre hier oft: es ist das Recht, oder das Vorrecht der Frau, das Feuer zu entzünden.

Bild 38, am Lakshmana-Tempel, diese Gruppe erinnert mich an den tantra-Spruch „die Frau bringt dem Mann das Feuer der Ekstase“ - Vorschaubild

Bild 38, am Lakshmana-Tempel, diese Gruppe erinnert mich an den tantra-Spruch „die Frau bringt dem Mann das Feuer der Ekstase“

Am Morgen ist es kühl, dicker Nebel im Park, die Turmspitzen der Tempel ragen daraus hervor, ein paar Baumspitzen, drei weiße Reiher fliegen darüber. Ich denke an den vergangenen Abend und weiß: es ist eine gute Sache gewesen.

Ein heißes Getränk wird gebracht, und ein bhikkhu singt – begleitet von einer Geige – ein paar einfache Gesänge zum Lobe von Gott Shiva, den wir einerseits tief in uns erfahren, dem andererseits im Innern des Tempels ein Altar mit seinem Symbol, dem lingam aufgestellt ist.

Ein anderer bhikkhu zitiert etwas aus dem Vighyana Bhairava Tantra, der Sammlung von Meditations–Anweisungen Shiva‘s an seine Gemahlin Shakti: er beginnt mit der Anrufung des Friedens:

»Om, Shantih, Shantih, Shantih«
und dann der Text:
»Indem du einfach in den blauen Himmel
über den Wolken schaust – die heitere Gelassenheit«

»Om, Shantih, Shantih, Shantih«

[Om ist der unhörbare Laut der Unendlichkeit, der Ewigkeit, und shantih bedeutet Frieden. Der Text »Indem du ...« findet sich im Buch von REPS 1976, Nummer 59]

Und er erläutert uns diese Meditation: lege dich einfach auf den Rücken und versinke mit dem Blick in der unendlichen Bläue des Himmels, ohne zu plinkern: das ist ein Weg, alles loszulassen, alle umherjagenden Gedanken und Sorgen im Kopf loszulassen. Und so bereitest du dich vor für die Entdeckung der Stille in dir – in heiterer Gelassenheit.

Alle sitzen zusammen, und wie der bhikkhu geendet hat, beginnen wir mit einer Meditation, in der wir zum Klang von Klangschalen einfach summen – eine lange Zeit, fast bis zum Mittag, langsam löst sich dann das Summen auf und wir sitzen still.