Bis heute ist in den meisten Ländern der Erde üblich, daß politische Herrscher eines Staates und organisierte Religionen und Wirtschaftsmächte diverse Mittel zur Beherrschung benutzen, nämlich verschiedene Formen der massiven Unterdrückung, Abhängigkeiten und meistens Verführungen. Zu den Verführungen gehören Versprechungen von persönlicher Macht, Wohlhabenheit, Konsum, Sicherheit, Freiheits-Ideologien, politische Vorherrschaft über andere Völker oder Volksgruppen inklusive deren Ausbeutung, ewige Seligkeit und Genüsse, und im Jenseits Freiheit von den in diesem Leben zu erleidenden Ängsten und Qualen.
Ich kann mir denken, daß auch ein System mit Freiheiten von psychischen Zwängen reizvoll und verführerisch sein könnte, Freiheit für jeden einzelnen Bürger – nicht umsonst haben zum Beispiel heute alternative Psychotherapie-Formen einen Zulauf, die großen psychischen Freiheitsgewinn anbieten. Was in Khajuraho zu sehen ist, könnte ein solches System gewesen sein. Das mittelalterliche Khajuraho-System war gewiß menschlicher als die heute gängigen Unterdrückungssysteme, die es im indischen Mittelalter allerdings auch gab. Die Khajuraho-Tempel gingen (und gehen) auf den Menschen selbst ein, auf seine psychischen und spirituellen Sorgen.
Lediglich Menschen mit Macht-Ansprüchen oder mit Ansprüchen auf Ausbeutung von Mitmenschen – zum Beispiel auch über den Sex – hätten im Khajuraho-Staat, wie ich ihn erkenne, wenig Chance gehabt, zum mindesten hätten ihnen die Tempel nicht helfen können. Vielleicht war es so, daß in Khajuraho die allgemeine tantrische Erziehung von Kindheit an solche Bedürfnisse nach Macht über andere und Ausbeutung anderer stark abschwächte, kann ich mir als Möglichkeit vorstellen. Vielleicht ist auf diesem Wege auch eine räuberische Ausbeutung der Natur tabu gewesen – ebenfalls eine Notwendigkeit zur langfristigen Stabilität eines Staates. Wir wissen ja, daß es auch heute noch Kulturen gibt, in denen nicht die Ausbeutung sondern der Schutz der Natur im Mittelpunkt steht – zum Beispiel die Bishnoi in Indien, die Tibeter, die Kogi in Columbien.
Mir ist nicht bekannt, ob die tantrischen Gemeinden mit ihren Tempeln dem ganzen Volk zur Verfügung standen oder nur einer Oberschicht oder auch einer Gruppe, die der Staatsreligion angehörte. Ansich ist tantra tolerant gegenüber allen friedfertigen Menschen und Religionen. Ich bin sicher, daß das Khajuraho-System selbst nicht eine Religion war – sondern eben tantra –, denn es finden sich Standbilder verschiedener Bekenntnisse in den verschiedenen Tempeln, auch des Buddhismus und des Jainismus.