BEFREIUNG: Wie ich es empfinde, geht das tantra in Khajuraho auf alle Emotionen ein, am meisten aber auf Erotik (erotische Verführungen) und sehr viel weniger auf Sex – wohl weil das die beiden stärksten Kräfte im Leben sind. Diese beiden erzeugen die meisten Probleme, und sie sind wegen ihrer großen Energie nutzbar um uns auf Wege in höhere Bewußtheitsstufen zu leiten. Befreiung bedeutet hier, über Zwänge hinauszuwachsen, und mir scheint, DAS sind die wesentlichen Aufgaben der Skulpturen an den Tempeln. Befreiung von Abhängigkeiten von Emotionen. Erst der befreite Mensch kann sich ganz der Begegung mit der Gottheit hingeben, »kosmisches Bewußtsein«, sogar »absolute Bewußtheit«.
FEIERN: Es ist eine alte Tradition Indiens – und sie leitet sich von BUDDHA her –, daß das Leben ein Jammertal sei: »Sarvam Dukham« = »Alles ist Leiden« soll BUDDHA vor 25oo Jahren gesagt haben. So sehr das tägliche Leben zu dieser Anschauung verleitet haben mag (und das ist heute ja nicht anders), verführt sie doch zu Lebens-Untüchtigkeit, zu andauerndem Gejammer und zur imaginären Flucht in die Unrealität, in die »höheren Leiden-losen Sphären«, in den Himmel, ins Paradies – doch alles als ein Traum für die Zukunft – noch dazu von den Religionen mit viel Glanz und Schönheit angeboten –, mit Geld zu bezahlen.
RAWSON (1973, Seite 9 ff.) geht darauf ein und bemerkt unter anderem: »... ausgezeichnete Tantriker des 19. Jahrhunderts haben nachdrücklich festgestellt, daß sie glauben, daß vieles von dem Elend im armen Indien von dem Welt-Hass verursacht wurde, den die traditionellen brahminischen Philosophien in die Mehrheit der Bevölkerung eingepflanzt haben.« Und: »im kompletten Gegensatz zu dem energischen „NEIN!“, das die offizielle brahminische Tradition in die Welt gerufen hat, sagt tantra ein kräftiges und qualifiziertes „JA!“ zur Welt«. Das heißt: anstatt Freuden, Visionen und Ekstase zu unterdrücken, sollten wir sie kultivieren und benutzen – und OSHO ergänzt: feiern.
TANTRISCHE EROTIK: Tantra propagierte also eine bejahende Lebenshaltung. Und dazu diente ihm eine große Menge von Ritualen und Bildern, über die es heute eine breite Literatur auch im Westen gibt, zum Beispiel als eines der ersten RAWSON´s Buch (1973). Der Westen hat jedoch die Neigung, die tantrischen Praktiken und Symbole schnell aus dem Blickwinkel der Sexualität zu sehen, wobwei nicht selten die beiden Wörter Erotik und Sex vermischt werden. Oft entsteht die Vorstellung einer „abartigen“ Sexualität, und dann folgt viel Scheu, Ablehnung oder gar Ekel. Doch ist die Vielfalt, Sorgfalt und Schönheit der Skulpturen an den Tempeln von Khajuraho viel mehr als nur billige Sex-Befriedigung, die etwas mit Besitzen-Wollen zu tun hätte, ja mit Ausbeutung des/der anderen. Auch weist die alte tantrische Literatur Indiens an sehr vielen Stellen (siehe RAWSON 1973 und andere) auf die spirituelle Bedeutung des tantrischen Sex´ hin. Viele heutige Inder aus den oberen Schichten haben gleiche Neigungen wie der Westen – beeinflußt vom Brahminismus, dem Islam und dem Puritanismus der Engländer.
SINNENGENUSS UND WAS DANN KOMMT: Am Ende des Weges durch die Instinkte, Gefühle und Begierden steht das Ziel, sie bewußt zu machen, sie aus dem Dunkel des Oberflächlichen, des kaum-Bewußten oder der Verdrängung ans Licht zu bringen und sich damit von ihrer dunklen Vorherrschaft frei zu machen, sie bewußt ins Leben hereinzunehmen, sie voller Helligkeit, Lust und Freude zu erleben – in allen Facetten der Fantasien, in allen Möglichkeiten. Das ist der Grund, weswegen OSHO seine sannyasins so oft zu vollen Sinnengenuß aufruft – nämlich um seelisch gesund über sie hinauszuwachsen: »Wenn es recht geht, ohne Einschränkung durch deinen Verstand, geht die Ekstase viel tiefer als jeder sexuelle Orgasmus, ohne irgendeinen Verlust. Keine Energie geht dabei verloren; in der Tat: die Energie wird bewahrt ...
... das ist das Phänomen, das kundalini genannt wird. Der Name hat nicht viel zu sagen, aber es ist das Phänomen, das kundalini genannt wird. Daran denkt man, wenn gesagt wird, daß sich die Schlange in dir entrollt. Die Energie hat ein Reservoir im Sex-Zentrum; das ist das unterste Zentrum. Und das höchste Zentrum ist im Kopf, sahasrar. Zwischen diesen beiden ist das ganze Lebensspiel, das ganze Spektrum. Wann immer diese beiden Zentren auf derselben Wellenlänge schwingen, ist Freude.«
Die Energie–Zentren oder Chakren (chakra = Rad, Kreis, sanskrit) (sehr einfach dargestellt):
saharsrar – Scheitel, Himmel
ajña – Drittes Auge
vishuddha – Kehle, Ausdruck
anatta – Herz, allgemeine Liebe
manipura – Sonnengeflecht, Gefühle
svadisthan – Tod, Geburt, auch Sex
muladhar – Sex, Erde, Wurzeln
Mich erinnern die Symbole, die auf dem Bild 41 gezeigt sind, an die Chakren.
»Das geschieht im sexuellen Orgasmus: sie beginnen, im selben Rhythmus zu schwingen; das geschieht in der Ekstase, sie vibrieren im selben Rhythmus. Es gibt nur einen Unterschied: im sexuellen Orgasmus ist der vorherrschende Faktor das muladhar, das unterste, das Sex-Zentrum. Es vibriert, und mit ihm vibriert das siebte Zentrum, sahasrar. Doch das erste Zentrum bleibt der Herr, und das siebte folgt einfach nach, es ist das Echo.
In der spirituellen Ekstase, im samadhi, geschieht gerade das Entgegengesetzte: das sahasrar wird der vorherrschende Faktor, es ist der Herr, und das Sex-Zentrum vibriert als ein Echo. Das ist der einzige Unterschied. Sonst sind die beiden Orgasmen gleich; dennoch ist der Unterschied groß. Wer der Herr ist, macht einen großen Unterschied. Wenn das oberste der Herr ist und das unterste der Sklave, dann ist es spirituelle Ekstase. Wenn das unterste der Herr ist und das oberste der Sklave sein muß, das ist Sexualität. Aber eines ist ähnlich: daß beide zusammen pulsieren.
Im sexuellen Orgasmus kann diese Pulsation nur einen Moment andauern, denn der Herr kann nicht für längere Zeit zum Sklaven reduziert werden, und der Sklave kann sich nicht lange als Herr ausgeben. Doch wenn der Herr seinen Platz eingenommen hat und der Sklave seinen Platz eingenommen hat, und sie da sind, wo sie hingehören, dann kann es ein zeitloses Phänomen werden; man kann darin immerwährend (continuously) pulsieren, Tag ein, Tag aus. Ein spiritueller Mensch lebt im Orgasmus ... sein Sein ist orgasmisch.«
(OSHO 1981c, Seiten 99–100)
Und: die Bedürfnisse nach Sinnengenuß sind ja doch da, sie sind in unserer Natur unvernichtbar angelegt, sagt OSHO, sie können nicht einfach unterdrückt oder verdrängt werden, es ist Lebensklugheit, sie zu leben. Im Innern rumoren sie doch immer weiter und würden dort zu Neurosen und Schlimmerem führen – wie man an zahllosen Beispielen von im Zölibat lebenden Nonnen und Mönchen sehen kann – oder an alten Menschen, denen der Glaube an gesellschaftliche Vorstellungen die Beschäftigung mit der Erotik verbietet.