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Tempel-Besuch und seelische Gesundheit der Bürger

 

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INNERE STILLE: Noch weiter geht es, wenn im älter-Werden die Triebe und Gefühle langsam an Drängen und Bedeutung verlieren und damit das Feld frei werden lassen für inneres Stillsein, für Meditation, für innere Leere (sunyata bei BUDDHA). Und damit wäre ein vorläufiges Ziel des sadhaka (= Strebende/r) erreicht. Es ist ein Prozess des älter-Werdens, wenn Sex aus natürlichen Gründen beginnt, an Kraft und Bedeutung zu verlieren und sich schließlich aufzulösen. Und beim sadhaka schleppen sich auch die Fantasien und die Begierden jüngerer Jahre nicht mehr bis ins Greisenalter hinein (da sie ja ausgelebt sind).Und möglicherweise wird es schon gar nicht einen verzweifelten Todeskampf geben, weil der Mensch nicht loslassen kann, weil so vieles ungelebt blieb in diesem langen Leben. Man sagt, auch das Sterben ist dann still.

Tantra wendet sich jedenfalls immer wieder gegen Unterdrückung der Triebe und Gefühle. Tantra versucht vielmehr, sie zu veredeln und damit für jeden – auch für sehr einfache Menschen, auch für die Gesellschaft – annehmbar zu machen und ihren Mißbrauch zur Machtausübung zu verhindern.

Das TANTRISCHE GEMEINWESEN: Man könnte auch sehen: Tantra in Khajuraho war weniger als Pflege der seelischen Gesundheit des Einzelnen gemeint sondern mehr als ein weites Paket von Anregungen und Hinweisen (auch technischen Hinweisen), wie wir in der Gesellschaft mit unseren Emotionen leben können (oder sollten). Ich meine: das Ganze war in erster Linie zur Gesundheit der Gesellschaft gedacht, einer vorwiegend tantrischen Gesellschaft.

Ich glaube, daß die Chandela-Herrscher über diese Dinge gewußt und sie in ihre Psycho- und Sozial-Politik eingebaut haben. Und es scheint, daß mit dieser Methode ein kreatives und psychisch gesundes Gemeinwesen geschaffen wurde, weit reifer, als das, was wir heute in Ost und West haben. Immerhin gelang es ihnen, über etwa 400 Jahre einen stabilen, mächtigen und wohlhabenden Staat zu entwickeln und zu erhalten – eine sehr lange Zeit inmitten eines politisch so unruhigen Gebietes wie es Mittel-Indien in jener Zeit war – und eine große Schar von künstlerischen Handwerkern zu versammeln, die aus einem meditativen Leben und einer meditativen Kultur heraus eine so große Zahl von Kunstwerken geschaffen haben.