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Die Bedeutung der tantrischen Tempelbesuche für die außenpolitische Situation des Landes und der Dynastie

Ich denke: diese über Jahrhunderte andauernde erfolgreiche Existenz des Chandela-Reiches hat mit dem tantra in ihrem Land zu tun.

Jedenfalls kann man auch heute sehen, daß Tantriker, die sich nicht an Systemen festhalten, einen höheren (auch politisch höheren) Freiheitsgrad und eine größere Kreativität und einen höheren Erfolgsgrad haben als der Durchschnitt des Volkes. Dabei denke ich nicht an einen Erfolg im Sinne der Ansprüche der Gesellschaft sondern an den eigenen individuellen Fortschritt und die eigene Überzeugung, etwas Schönes und Wertvolles zu erschaffen. Was im Einzelnen den Erfolg bringt – darüber kann man nachdenken, doch ich denke, es sind wohl die geistige Geradheit und Sicherheit und Klarheit des Tantrikers, und seine relativ große Freiheit von gesellschaftlichen Regeln und von festen Vorurteilen.

Im alten Khajuraho werden die Priesterin, Lehrerin, Mutter, Arbeiterin, der Soldat, Politiker, Handwerker, Arbeiter ..., die in diesem tantra lebten, – so schließe ich aus der Beobachtung heutiger Tantriker – mit mehr Klarheit und seelischer und geistiger Sauberkeit an ihre Arbeit gegangen sein als viele andere Leute. Wahrscheinlich wurde auch dem Nicht-Tantriker dasselbe Lebensrecht und Erfolgsrecht zugestanden, und die Schönheit des tantra und der Tantriker strahlte auf sie aus; wahrscheinlich gab es keine tantra-Diktatur – jedenfalls widerspräche das der tantra-Idee wie ich sie verstehe.

Tantra bedeutet ja nicht nur eine Reinigung von psychischen Unreinheiten, sondern ganz besonders ein geschicktes Leben in der eigenen, individuellen Stille (Meditation, dhyan), mit klaren, offenen, bewußten Sinnen und Beziehungen zur Umwelt.

So mag der Bürger des Chandela-Reiches Jejaka-bhukti gegenüber den nicht-tantrischen Nachbarvölkern überlegen gewesen sein. Außer Jejaka-bhukti soll es noch einige andere tantrische Reiche in Nord- und Südindien gegeben haben, wie ich aus der Verbreitung von offensichtlich tantrischen Tempeln und noch immer anzutreffenden Resten tantrischer Lebensweise schließe (siehe RÁMACHANDRA KAULÁCHÁRA 1966).

Nur einen Nachteil hatten die Bürger eines tantrischen Landes: sie waren im Grunde friedfertig und nicht gewalttätig – und daran mag das Reich zugrunde gegangen sein. Denn die Moslem-Militärs und ihre Heere waren nicht zimperlich, sie eroberten und herrschten wahrscheinlich mit großer Gewalttätigkeit, gegen die die Tantriker nicht angehen wollten – aus Überzeugung. Immerhin ließ es sich unter moslemischer Herrschaft auch nicht so schlecht leben, denn war das Regime erstmal gefestigt, gab es Religionsfreiheit in jenen Zeiten auch unter den Moslemherrschern.