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Einflüsse des mittelalterlichen tantra auf das heutige Indien

Vorausgesetzt, daß die tantrischen Regimes und Lebensweisen wirklich so human und freiheitlich waren wie vermutet, hat es nach der tantrischen Zeit einen weitgehenden Zusammenbruch der individuellen Freiheit in Indien gegeben: Indien hat sich in den 800 Jahren seit der tantra-Zeit in ein prüdes Land verwandelt, das heißt in eine Gesellschaft, die die Freiheiten des Einzelnen durch starre, gesellschaftliche Regeln beschneidet. Auch hat sich das Patriarchat in zum Teil grausamer Weise durchgesetzt – ein Aspekt, der jeder Form von tantra total fremd und widerwärtig ist.

Die Ursachen für diese Veränderungen mögen dreierlei sein: erstens der Einbruch des Islam, der eine gänzlich andere Bevölkerungspolitik verfolgte und besonders in moslemischen Ländern des Islam noch immer verfolgt – nämlich eine restriktive und patriarchalische, Mann-betonte Lebensart –; zweitens das Wiedererstarken des brahminischen, puritanischen und patriarchalischen, weniger gefühlsbetonten klassischen Hinduismus (nachdem der Buddhismus aus Indien wieder verdrängt worden war), der auch auf der Unterdrückung von Sex und individueller Freiheit bestand und immer noch besteht; und drittens der Einbruch des englischen Puritanismus mit der europäischen Kolonialisierung Indiens – ich vermute, die bei weitem stärkste anti-tantrische Kraft.

Dennoch: bei genauem Hinsehen finden sich im indischen Leben immer noch Reste der tantrischen Vorstellungen: einmal in und an den Tempeln die tantrischen Skulpturen – und nicht nur in den typischen tantra-Tempeln sondern in fast jedem alten Hindutempel, klar sichtbar für jeden Menschen. Und zum anderen ist der indische Mann im Durchschnitt – trotz des oben Angemerkten – nicht so sehr Mann-betont wie der europäische Mann. Er stellt den Mann nicht so nach „männlichem“ Muster dar, er gibt sich der Frau im täglichen Umgang ähnlicher – wenn auch sein Körper vom weiblichen ebenso abweicht wie der des Europäers.

Ein anderer Aspekt des tantra ist noch sehr weit verbreitet: das Magische, das Kalkulatorische, das Spekulative. Ich bespreche diese Dinge hier nicht, da ich von ihrem Verhältnis zu den Figuren Khajuraho΄s nichts weiß, und da sie insgesamt schier unübersehbar und komplex sind – für Außenstehende kaum verstehbar. Jedoch sind die indische Seele und das indische Leben voll von diesen Dingen: man begegnet an vielen Straßenecken, auf jedem Markt, in jedem ashram (= spirituelle Schule) allen Formen von Magiern, Gauklern, Wahrsagern, Schamanen und so weiter – kurz gesagt geistigen und seelischen Spekulanten (für mich ist Spekulation nichts Verwerfliches sondern es ist eine der geistigen Arten, um sich Erklenntnissen zu nähern) im weitesten Sinn, die von sehr unterschiedlicher Qualität und Tiefe sind. Darüber hat unter anderem BRUNTON (1961) ausführlich berichtet.

Interessenten an den magischen Aspekten von indischem tantra weise ich auf die folgenden Bücher hin: THIRLEBY 1982, CHAWDHARI 1985, JOHARI 1987.