können die Wege der antiken Khajuraho-Kultur helfen, die Menschheitsprobleme der heutigen Zeit zu überwinden?
Im Westen haben sich in den vergangenen 25 Jahren eine Anzahl von tantra-Bewegungen etabliert. Mir scheint, daß OSHO´s Neo-Tantra einiges von den Khajuraho-Ideen mitgenommen hat aber nicht die alten Rituale, während andere Richtungen gerade die alten Rituale benutzen (zum Beispiel THIRLEBY 1982). Es scheint mir, daß die Benutzung von solchen Ritualen – seien es neue oder traditionelle – dazu verführen, dem Gang in die eigene Tiefe auszuweichen: Rituale als Werkzeug der Verdrängung. Die Ursache mag unter anderem darin liegen, daß der westliche Mensch nicht in der Tradition dieser Rituale lebt und sie erst neuerlich erworben hat, oft auch heimatlos hin und her schwankt zwischen dieser und jener Tradition: Tantra – indianisches Khadoshka – tibetische Geister-Beschwörung – altdeutsche Astrologie – Zigeuner-Tarot – keltische Tradition – oder was immer. Keine dieser oder anderer Traditionen hat sich in den Tiefen der westlichen Seele verankert, die ja stark materialistisch (und nicht spirituell) geprägt ist, keine beeinflusst wirkungsvoll weite Bereiche von Imagination und Unbewußtem. Doch in Khajuraho war es anders: bei der Ausführlichkeit und Tiefe, mit der die Khajuraho-Tempel erbaut und geschmückt sind, ist offensichtlich, daß die tantrischen Lebensweisen im Volk über Generationen lebten – mit der Geburt eines jeden beginnend.
Dieser Aufsatz ist aus dem Wunsch entstanden, daß die Menschheit am Beispiel von tantra sich entschließt, schonender und liebevoller zu leben. Ich habe die Vorstellung, daß wir Menschen die Chance haben, weiter zu wachsen hin zu mehr Bewußtheit, Liebe, Klarheit. Die Biologie des Gehirns würde es zulassen. Ja es scheint, daß das einer der möglichen kulturellen Evolutions-Trends ist (andere Trends könnten zu mehr Ausbeutung, zu mehr Intellekt, zu mehr Technisierung und Organisation oder zu mehr Selbst-Zerstörung hin laufen). OSHO spricht hier von Revolution im Gegensatz zur biologischen Evolution, die beim Menschen nun abgeschlossen sei; andere sprechen von der Bewußtheits-Evolution im Gegensatz zur biologischen Evolution (zum Beispiel Marco POGACNIK und Andrew COHEN).
Das Problem der Menschheit ist doch: Gewalttätigkeit, Rücksichtslosigkeit, Lieblosigkeit, Selbstüberheblichkeit, Ausbeutung, Hektik, Zerstörungs-Lust und andere alte Eigenschaften der Menschen können uns in der kurzen Zeit von möglicherweise weniger als wenigen Jahrzehnten in eine große Menschheitskrise fallen lassen, schon lange von vielen vorausgeahnt, doch nun immer wahrscheinlicher werdend. Es könnte sogar eine Krise des Lebens auf der Erde überhaupt sein – wenn wir nur an die Verluste von Tier- und Pflanzenarten und von Ökosystemen denken, deren Entstehen viele Millionen Jahre gebraucht hatten.
Es gibt eine Reihe von deutlichen Anzeichen für diese schwarze Vision. Aber es gibt auch deutliche Anzeichen, daß die Bewußtheit der Menschen schnell wächst. Nochmal: wir Menschen könnten durchaus noch die Chance haben, hin zu mehr Bewußtheit, Liebe und Klarheit weiter zu wachsen, die Biologie des Gehirns würde es zulassen. Und tantra ist Wachsen der Bewußtheit, es wäre ein annehmbarer Weg.
Dennoch hat tantra kein missionarisches Ziel. Tantriker werden dafür nicht auf die Straße gehen, nicht einmal in die Kirchen oder in die Hörsäle, nicht mal auf Gewerkschaftsversammlungen. Aber es ist der Wunsch der Tantriker: wenn euch ein Mensch begegnet, dessen Augen friedvoller und leuchtender sind als bei den anderen: verdammt ihn nicht als Sektenführer oder -opfer, sondern nehmt ihn an und sagt ihm: „wir haben auf Leute wie dich gewartet, was hast du uns zu bringen?“