Helmuth von GLASENAPP hat sich sehr intensiv mit wissenschaftlicher Methodik mit dem indischen Geistesleben beschäftigt. In seinem Buch von 1958 stehen einige erklärende Bemerkungen zu Tantra – wenn sie auch heute nicht mehr ganz den tieferen Erkenntnissen entsprechen. Seite 126 ff:
Der Weg zur Befreiung ist »die Reinigung des Geistes von allen ihm anhaftenden Schlacken. Das praktische Hilfsmittel ist das Ritual, das zu einer systematischen Unterdrückung der irdischen Triebe führen soll. Die ungeheure Bedeutung, die dem Ritus für die Förderung des Reinigungsprozesses zugeschrieben wird, ist das Charakteristikum der Heilslehre der Tantras [d.h. der tantrischen Schriften] gegenüber anderen Heilslehren, die derartigen Zeremonien keinen entscheidenden Wert beilegen.
Die in den Tantras empfohlenen Riten beziehen sich zum Teil auf den Tempelkult und die Konsekration und Verehrung von Götterstatuen, doch werden auch viele private Andachtsformen gelehrt. Bei diesen spielt das Rezitieren von Mantras eine große Rolle, d.h. heiligen Silben von mystischer Bedeutung, deren Murmeln transzendente Wirkungen hervorrufen soll, weil der Mantra nicht einfach ein gesprochenes Wort ist, sondern eine Manifestation überirdischer Kräfte darstellt.
Dazu kommen die verschiedenen Meditationen und Yoga-Übungen.«
Tantra ist also eine tiefer in die Seele eindringende Religion als die anderen großen – es ist eine tief mystische Religion wie Taoismus, Zen, Chassidismus, gewisse Hochreligionen bei Naturvölkern und andere. Im Gegensatz zu diesen sind die großen Religionen eher an den Verstand gebunden, die Begegnung mit Gott findet auf der Verstandes- oder Emotionsebene statt, nicht tiefer. Nur so ist es verständlich, daß die großen Religionen sowohl von religiösen wie nicht-religiösen Menschen angenommen und benutzt werden können – immerhin bringen sie allen Teilnehmern die Möglichkeit, sich wissend, denkend, theo-logisch, sowie durch Formeln, Gebete, Riten mit Gott zu beschäftigen und als ein "großer Vertreter des Glaubens" zu gelten. Sie bringen weiter die Möglichkeit von Mission, von politischer Ausdehnung bis hin zu Imperialismus – Dinge, die in mystischen Religionen nicht möglich sind.
Aber gerade diese Punkte sind die oben genannten "Schlacken", von denen die mystischen Religionen einen befreien wollen. Einher mit dem Verlust an "Schlacken" geht der Verlust an gesellschaftlich hohem Ansehen und Macht, aber der Gewinn an Eigentümlichkeit, Individualität, Natürlichkeit, Kreativität, Gelöstheit, Ehrlichkeit, Fröhlichkeit und Liebe.
Die im obigen Text erwähnte "Unterdrückung der irdischen Triebe" ist wohl ein Mißverständnis von GLASENAPP. Der Satz gilt so im heutigen praktischen Buddhismus (wenigstens in Sri Lanka), aber nicht im alten Tantra. Tantra geht es darum, daß die/der Tantrika über die irdischen Triebe hinauswächst, sie aber nicht unterdrückt. Dazu dienen die tantrischen Rituale, besonders solche wie das Chakra Puja, durch die die Teilnehmer durch die körperlichen Gefühle des Sex´ hindurchgehen (d.h. sie nicht unterdrücken oder umgehen), mit vollem Einverständnis und mit voller Klarheit.
RAWSON (1973) macht klar. daß Tantra bis 1955 im Westen vollständig unbekannt war – selbst für Leute, die sich berufsmäßig mit Indien beschäftigen (Seite 7):
»Tantra war im Westen seit 70 Jahren nur einer Hand voll interessierter Menschen bekannt, hauptsächlich durch Sanskrit-Texte. ... Die Entdeckung der [Kunst des Tantra] verdanken wir hauptsächlich einem Mann, AJIT MOOKERJEE, durch den das Wissen über diese Kunst seit etwa 1955 entstanden ist. Er kommt aus Bengalen, eines der großen Hochburgen des Tantra seit wenigstens 600 vor Christus, wahrscheinlich früher. Er ist der Autor und Designer der ersten, sehr wichtigen Bücher über tantrische Kunst.«
Und weiter bei RAWSON (Seite 9):
»Tantra ist eine besondere Manifestation von Gefühl, Kunst und Religion Indiens.«
RAWSON beschreibt an dieser Stelle, daß es keine kurze allgemeingültige Definition für Tantra gibt, »jedoch gibt es einen Faden, der uns durch das Labyrinth leiten kann: alle Manifestationen des Tantra können auf ihm aufgereiht werden. Dieser Faden ist die Idee, daß Tantra ein Kult der Ekstase ist, es konzentriert sich auf die Vision der kosmischen Sexualität.« (eindrucksvoll ist da der Titel von OSHO´s Buch (ca 1991): "From Sex to Super-Consciousness", der einer alten tantrischen Aussage entspricht).
OSHO (unter anderem in seinem Buch von 1984, "The Book, Series I", Seiten 417 ff.) geht allerdings weiter und nimmt das Wort "Ekstase" wörtlich, indem er es dem gegensätzlichen Begriff "Instase" gegenüberstellt (außen stehen beziehungsweise innen stehen) – für ihn sind beide Pole Inhalt von Tantra, jedoch in weit größerem, weiteren Spannungsbogen als sonst üblich. Das bedeutet: der Tantriker geht weiter in die Ekstase (äußeres Erleben und Leben) hinein und gleichwohl in die Instase (inneres Erleben, Meditation, Stille), und wie man in tantrischen Begegnungen (zum Beispiel in Begegnungen von OSHO´s Sannyasins) erleben kann, innerhalb weniger Stunden oder kürzeren Zeitabständen: Tanzen, Lachen, sportliche Hochleistung liegen zeitlich sehr nahe bei Meditation, innerster Liebe, sehr sensibler menschlicher Nähe, hellwacher Stille.